Die Pflanze des Gottes Min

Ludwig Keimer

Zeitschrift für Sprache & Alterskunde, vol. 59, pp. 140-143, 1924

Zu den mancherlei Rätseln, die die uralte, typische Darstellungsweise des Min und des ihm wesensgleichen Amon zu lösen noch aufgibt, gehören die hinter dem Gotte aus einem etwa mit "Holzgestell" zu bezeichnenden Gegenstand herauswachsenden "Bäumchen". Diese haben meistens die in der Hieroglyphenschrift dem Baumdeterminativ eigene Form und machen in der Tat oft den Eindruck von "Zypressen", wie sie häufig in der Literatur z. B. von ED. MEYER, Gesch. d. A. I, 23 § 180, § 183, S. 80, 85; ARTHUR J. EVANS, The Mycenaean tree and pillar cult, J. H. St. Vol. XXI (1901), S. 99-2041 genannt werden. Abgesehen davon, dass die Zypresse als ausgesprochenes Mediterrangewächs in den Steinwüsten von Koptos und Theben eine pflanzengeographische Unmöglichkeit sein würde, beweist eine Darstellung aus Der el Bahari (NAVILLE I, pl. XX) = Abb. 1, dass die Pflanzen, die hinter dem Amon in die Höhe streben, fast naturgetreue ägyptische Lattiche2 sind (Lactuca sativa L.).

Dieser ägyptische Salat, der heute noch, besonders in Oberägypten, im grossen angepflanzt wird, unterscheidet sich von unserem Kopfsalat dadurch, dass sich die Blätter nicht wie bei diesem kugelförmig übereinander legen, sondern gerade aufwärts streben. Er erreicht eine Höhe von 1-1 ½ m3. - Auf die vielen Formen der Lattichstilisierungen in der ägyptischen Kunst hier einzugehen, würde zu weit führen. Es sei nur erwähnt, dass ebenso wie bei der Darstellung von Min-Amon der Lattich auch noch in anderem Zusammenhang4 zum festen Bestandteil der bildlichen Überlieferung [141] gehört und dort gleichfalls in mannigfaltigen Stilisierungen, Schematisierungen und Grössenverhältnissen vorkommt. Die für das AR typische Lattichform ist die mit übertrieben zugespitzten (anstatt abgerundeten) Blättern5. Mit dieser Form vergleiche man die Lattiche auf dem alten Bilde des Min LD II, 115 e (Dyn. VI)6. - Schliesslich lässt man die Innenzeichnung der Pflanze ganz weg, so dass nur der Umriss eines Bäumchens übrig bleibt. Diese Form der Darstellung, von der wir oben ausgingen, wird seit dem NR zur Regel, da naturalistisch gebildete Lattiche hinter den genannten Gottheiten nur selten vorkommen.

Soviel zunächst über die Gewächse selbst.

Der Untersatz, auf dem die Pflanzen und bisweilen auch Min oder Amon selber stehen, hat, wenn man von seltener vorkommenden Gestaltungen absieht, zwei Hauptformen. Die erstere, die wir oben mit "Holzgestell" bezeichneten, trifft man hauptsächlich bei naturalistisch dargestellten Lattichen (vgl. Abb. 1 und LD II, 115 e), während die zweite Form die Gestalt einer mit Tür und Hohlkehle versehenen Kapelle hat. Auf ihr stehen in der Regel die stilisierten, zypressenähnlichen Lattiche, zwischen denen sich häufig die "Lilie" des Südens oder eine stilisierte Nymphaea erhebt. Nur von der ersteren Form hat in diesem Zusammenhang die Rede zu sein.

Abb. 2 (= NEWBERRY, Beni Hasan I, Pl. XI) veranschaulicht die Bewässerung und Ernte eines Lactucafeldes. Das Feld ist in die für ägyptische Darstellungen typischen kleinen Beete geteilt; diese sind durch ganz schmale Rinnen voneinander getrennt, in die ein Mann Wasser giesst. Ein anderer Mann bringt aus einem tiefer als das Feld gelegenen und mittels einer Treppe erreichbaren Teich oder Kanal zwei Gefässe mit Wasser, während ein dritter Arbeiter damit beschäftigt zu sein scheint, Lattiche zu ernten; ein geernteter Lattich liegt jedenfalls neben ihm. Eine Lactucakultur mit deutlich zur Darstellung gebrachten Lattichen liefert besonders Abb. 37. Ob die Darstellung so zu verstehen ist, dass man sich in jedem der quadratischen Beete einen Lattich zu denken hat, will ich nicht entscheiden; jedenfalls aber beweist sie, dass die Gewächse hinter Amon auf Abb. 1 und diejenigen auf Abb. 3 (beide aus Dêr el-Bahari) nur dieselbe Pflanze, nämlich den ägyptischen Salat bezeichnen können. Und zweitens geht aus einem Vergleich der Abb. 1 mit Abb. 3 klar hervor, dass das rahmenartige "Holzgestell", aus dem die hohen Salatgebilde emporzuschiessen scheinen, nichts anderes angeben wollen, als ein in kleine quadratische Beete geteiltes Lattichfeld.

Min und Amon werden also, und das ist das Wichtige, gleichsam als im Lattichfelde weilend dargestellt, ebenso wie auch der Lattich das charakteristische Gewächs des Tempelgartens von Dêr el-Bahari gewesen ist (Abb. 3)8.

Wie kommt es nun, dass dieser Salat, den SCHWEINFURTH so oft in hohen Stauden als Nachfrucht auf den Mais- und Sorghumfeldern bei Theben wuchern sah, und der nach den Denkmälern zu urteilen im alten Ägypten eine besonders grosse Rolle unter den Kulturpflanzen gespielt haben muss, seit dem All mit Min und später mit Amon in Zusammenhang gebracht wurde? Denn dass die Pflanze den genannten Gottheiten [142] besonders angenehm war, wissen wir auch aus vielen Darstellungen aus Karnak, Medinet Habu und Edfu, wo der König dem Amon bzw. Min einen Lattichstrunk in erhobenen Händen darbringt. Als Beischrift dieser Szene liest man häufig: wofür die Zettel des Berliner Wörterbuches viele Belegstellen enthalten.



Das Wort 'bw (in voller Schreibung ) das meistens mit einem liegenden (wie auf den Speisetischen!) oder aufrecht stehenden Lattichstrunk determiniert wird, ist die seit dem NR belegte Bezeichnung für Lactuca. Im koptischen hat sich das Wort erhalten9. Schliesslich kennen wir aus den Darstellungen noch eine Form, wie man im Kultus des NR den Lattich in Beziehung zu Min und Amon brachte. Wir wissen nämlich von einem Fest, "das nach den hervorragenden Stellen zu urteilen an denen es abgebildet wird wahrscheinlich in irgendeiner Weise zu den Krönungsfeierlichkeiten gehört hat"10. Bei diesem grossen Prozessions- und Opferfest zieht der Gott des Wachstums und der Fruchtbarkeit dem Könige entgegen. "20 Priester tragen die mit Decken behangene Bahre, auf der das Gottesbild steht, und andere mit Blumensträussen und Wedeln fächeln dem Gotte Kühlung zu. Vor ihm schreitet bedächtig der ihm heilige weisse Stier, und eine lange Reihe von Priestern, die die Abzeichen der Herrschaft, allerlei Göttersymbole [143] und die Bilder der königlichen Vorfahren .... tragen." Unter diesen Göttersymbole tragenden Priestern sieht man auch solche, die kolossale Lattiche von der bekannten zypressenähnlichen Gestalt in der feierlichen Prozession mit sich führen. Vgl. ROSELLINI, M. E. III Taf. LXXXIII, Medinet Habu, Ramses III.; der ithyphallische Min wird von Priestern, die Wedel und Sträusse halten, getragen, hinter dem Gottesbild folgt eine von zwei Priestern ein hergetragene Bahre mit fünf Lattichen. Ganz ähnlich R0SELLINI, M. E. III, Taf. LVI; vor der Tragbahre des Min-Amon steht in adorierender Stellung König Philipp Arrhidaeus, in jeder Hand hält er einen stilisierten Lattich, neben der Tragbahre mit dem Gotte sieht man einen einer Kapelle ähnlichen Untersatz, aus dem fünf Lattiche hervorwachsen.

Wenn nun eine völlig befriedigende Antwort auf die oben aufgeworfene Frage nach dem Warum der Verbindung: Lattich und Min-Amon nicht gegeben werden kann, so ist es doch immerhin von Wichtigkeit, die Frage einmal gestellt zu haben. Wahrscheinlich fährt aber die Erkenntnis der Tatsache weiter, dass der ägyptische Salat die einzige Kulturpflanze des Niltals ist, die Milchsaft enthält. Zwar milchen auch die dortigen Zwiebeln ein wenig, jedoch nur als Zwiebeln, während beim Lattich selbst aus dem kleinsten Blättchen ein Milchtröpfchen fliesst; dem eigentlichen Strunk aber entquillt dicker Milchsaft. Offenbar hängt hiermit, d. h. mit der Milch als dem Zeichen der Fruchtbarkeit, die grosse Bevorzugung zusammen, die die ithyphallischen Gottheiten dem Lattich entgegenbrachten; auch könnte man, da es sich gerade um ithyphallische Götter handelt, annehmen, dass die Lactuca-Milch in Beziehung gesetzt zu dem Sperma der betreffenden Götter. In diesem Zusammenhang mag noch ein Hinweis auf die arabische Namengebung gestattet sein, die heutigentags für andere Milchsaft führenden Pflanzen11 in Ägypten gebräuchlich ist und deren Sinn sich vielleicht an aus dem Altertum überlieferte Ideengänge anknüpfen liesse: z. B. laban el eschar "Milch der Begattung". Unentschieden ist die Frage, inwieweit die Lactuca bzw. ihr Saft (Lactucarium) im Altertum als Aphrodisiacum Verwendung gefunden hat; die bei Athenaeus II, 69 c u. e aufbewahrte Kallimachusstelle, die der Lactuca ) in dieser Hinsicht Erwähnung tut, besagt nicht viel. ERMAN-GRAPOWS Übersetzung des Wortes 'bw12 mit "ein Aphrodisiacum" wird also solange mit Vorsicht zu gebrauchen sein, bis nicht mit Bestimmtheit nachgewiesen werden kann, dass der Lattich im Altertum als Aphrodisiacum werwandt wurde. Für möglich, ja für wahrscheinlich halte ich das in hohem Grade. Für das heutige Ägypten ist eine Mitteilung des kürzlich verstorbenen, Jahrzehnte lang in Kairo wohnhaften französischen Botanikers DEFLERS von Wichtigkeit, die besagt, dass unter der Bevölkerung der Glaube allgemein verbreitet sei, viel Salatessen verbürge reichen Kindersegen13.

1) Die in Fig. 26 der Abh. abgebildeten "Bäume" ("tree of Min") = Lattiche haben mit den auf den kretisch-mykenischen Kultdarstellungen häufigen Zweigen oder "Zypressen" nichts zu tun.

2) Für Lactuca sativa L. im alten Ägypten verweise ich auf meine in Kürze erscheinende Abhandlung über die altägyptischen Gartenpflanzen.

3) Für botanische Unterweisungen bin ich Herrn Prof. SCHWEINFURTH zu grossem Danke verpflichtet.

4) Hierüber ist ausführlicher in dem in Anm. 2 angekündigten Buche die Rede.

5) Man vgl. z. B. die häufigen Lattichdarstellungen in STEINDOBFFS Ti, in v. BISSINGS Gemnikai in G. DAVIES' Ptahhetep II. und in J. CAPARTS rue d. tombeaux ‚ die sämtlich die gleiche Form haben.

6) Nach Abschluss dieses Aufsatzes sowie meines Manuskriptes über die altägyptischen Gartenpflanzen sehe ich zu meiner Freude, dass COUYAT und MONTET die Pflanzen (LD II, 115 e) bereits für Lactuca erklärt haben. Siehe "Ouâdi Hammâmât", S. 59 zu Taf. XVI Nr. 63 (Pepi I. vor Mm): "Derrière le dieu trois laitues montant à la hauteur de sa tête. Même représentation sur un bas-relief de Koptos (WEILL, Décrets royaux, pl. IV) et à Deir el-Bahari (III, Pl. 81)".

7) NAVILLE, Deir el-B., Bd. V, Pl. 142 "the garden of the Temple".

8) s. Anm. 1.

9) Vgl. SPIEGELBERG, Koptisches Handwörterbuch S. 175. Prof. SPIEGELBERG hatte die Freundlichkeit mir zu bestätigen, dass meine Gleichsetzung seiner Ansicht nach richtig sei, da sich die Worte lautlich sehr gut zusammenstellen liessen. Ausführlicheres s. in der oben S. 140, Anm. 2 angekündigten Arbeit; dort auch Stellungnahme zu G. ROEDER, Die Blumen der Isis von Philae, ÄZ. Bd. 48, 5. 117; JÉQUIER, Matériaux pour servir à l'établissement d'un dictionnaire d'archéologie Egyptienne (Bull. d. l'Inst. français d'archéol. Orient. XIX) vgl. unter Âbou (S. 27-29) und Âfá (S. 56-57) ist mir erst beim Lesen der Korrektur zugänglich geworden. Die richtige Lösung ist JÉQUIER m. E. nicht gelungen.

10) ERMAN-RANKE, Ägypten S. 71/72.

11) Auf die Tatsache, dass alle milchenden Pflanzen im alten Ägypten im Kultus Verwendung fanden, werde ich übrigens an anderer Stelle hinweisen.

12) Handwörterbuch S. 19.

13) Briefl. Mitteilung vom 22. Mai 1920: "Le fait que la laitue étant dédiée à un dieu ithyphallique permet ce me semble de rattacher à cette antique tradition, la croyance populaire actuelle, répandue chez les Égyptiens, qu'en mangeant beaucoup de salade, ils auront beaucoup d'enfants".