Kawa auf Neuguinea

Hans Nevermann
Museum für Völkerkunde, Berlin

Ethnos, vol. 3, 1938, pp. 179-192

[179] Mit dem polynesischen Namen Kawa wird ein Pfefferstrauch (Piper methysticum) bezeichnet, aus dessen dicker Wurzel ein berauschendes Getränk gewonnen wird.

Auch auf Neuguinea kommt diese Pflanze vor. Hier ist die Wurzel jedoch kleiner, und hier beschränkt man sich nicht auf ihren Genuß, sondern kaut auch die Stengel und Blätter aus, um aus ihnen ebenfalls den Kawatrank zu gewinnen. Er ist auf Neuguinea erheblich bitterer und schärfer als in Polynesien.

Von der Astrolabe-Bai hat Haddon (Man XVI, Nr. 87) nach Angaben von Miklucho-Maclay und anderen über den Kawanenuß in Bogadjim und Bongu berichtet, und Hanke (Grammatik der Bongu-Sprache S. '77) führt als Bongu-Wort keu = "die Pflanze (Piper methysticum) und das aus der Wurzel (Stengel und Blättern) durch Kauen hergestellte Getränk" an. Nach der Überlieferung der Bongu-Leute ist die berauschende Wirkung des Kawagenusses von einem Schweine entdeckt worden (Hanke, S. 98 f.). Kawa wird hier zunächst von jungen Burschen gekaut und in Becher (keu gamba) gespieen, aus dienen sie die Männer bei festlichen Gelegenheiten trinken. Frauen und Kinder pflegen keine Kawa zu genießen.

Piper methysticum fand Hollrung (Nachrichten über Kaiser Wilhelms-Land IV, 1888, S. 208) "in der Nähe von Memming (Memen), einem Kaidorfe in der Nähe des Bubui" wild wechsend. Die Kawabereitung ist in diesem Gebiete aber unbekannt, und Autoren wie Keyßer, Lehner usw. erwähnen nichts davon. Ebenso vereinzelt ist der Fund einer Kawapflanze (Macropiper methysticum) durch M. Staniforth Smith auf der Wasserscheide des Kiko-Flusses in Papua in einem Eingeborenengarten (Annual Report Brit. N. Guinea 1911, [180] S. 170). Die Angaben über weiteres Vorkommen von Piper methysticum im östlichen und zentralen Papua von E. W. Pearson Chinnery (Man XXII, Nr. 15) beruhen dagegen, wie Sir Everard im Thurn (Man XXII, Nr. 37) gezeigt hat, auf einer Verwechslung mit Piper Betle, dessen Blatt und Frucht beim Betelkauen gebraucht werden.



Das zweite Kawa-Gebiet auf Neuguinea erstreckt sich von der Mündung des Fly-River bis weit in den Süden von Niederländisch Neuguinea hinein. Haddon (Man XVI, Nr. 87), Wirz (Die Marindanim II, 3, S. 192) und andere haben sich erfolgreich bemüht, das erreichbare Material über Kawagenuß in diesem Gebiete zusammenzutragen, und im Folgenden sollen noch ein paar Notizen, die ich 1933/34 in Niederländisch-Süd-Neuguinea machen konnte, dazu beitragen, das Bild abzurunden.

Der östlichste Punkt dieses Kawa-Gebietes liegt nördlich der Fly-Mündung bei den Gogodára. Hier heißt die Kawa sika und wird auf länglichen Beeten zu Beginn des Südost-Monsuns gepflanzt. Junge Pflanzen schützt man gegen die Sonne durch Schattendächer. Auch hier trinken Frauen und Kinder keine Kava, während die Männer die Stengelabschnitte, seltener die Wurzelteile kauen und den erhaltenen Saft zum Trinken in kleine Becher aus kokosnußschale speien (Wirz, Die Gemeinde der Gogodára, S. 453).

Von den Gogodára haben nach ihrer eigenen Angabe die Kiwai die Kawa erhalten, die sie gamóda oder wáríki nennen (Landtman, The Kiwai Papuans, S. 106 f.; Riley, Among Papuan Headhunters, S. 89). Dieser Name ist in der Form gamada weithin bekannt. Da der unmäßige Kawagenuß der Kiwai und anderer Stämme bei der britischen Regierung durchaus berechtigte Bedenken erregte, wurde 1910 ein Kawa-Verbot erlassen. W. N. Beaver berichtete darüber (Annual Report 1910/11, Papua): "The drinking of the native decoction Gamada has been prohibited by a recent Native Regulation. Needless to say it is not popular. Gamada drinking, from its method of preparation, may be possibly the cause of propagation of a good deal of the chest diseases prevalent." Die Folge dieses Verbotes, das [181] später wieder gelockert werden konnte, war zunächst, daß das Betelkauen vielfach einen Ersatz für das Kawatrinken bilden mußte (Chinnery, Man XXII, Nr. 15), aber auch, daß Kawa heimlich weiter angebaut wunde und Fragen danach ausweichend beantwortet wurden, so daß es immer schwerer wurde, ein Bild über die Verbreitung der Kawa in der Western Division von Papua zu gewinnen.

Aus dem Mawatsa-Gebiete hat bereits d'Albertis (New Guinea II, S. 197) 1880 den Kawagenuß erwähnt. Auch Beardmore (Journ. Anthr. Inst. XIX, S. 460) berichtete, daß hier bei der Mannbarkeitsfeier der Knaben "an intoxicating liquor komata obtained from a plant grown locally" getrunken wird, und McFarlane (Among the cannibals of New Guinea, 1888, s. 126) beobachtete, daß Eingeborene in diesem Gebiete Kawa tranken, die von Knaben gekaut worden war. Aus Einzelheiten, die Sir William Mac Gregor über Kawa bei den Masingara berichtete (Journ. Anthr. Inst. XXI, S. 204) geht her [182] vor, daß der Trank aus den Wurzeln und den Stengelteilen hergestellt und ohne besondere Feierlichkeit getrunken wird.

Nach Mawata kam die Kawa aus dem Binnenlande von den Masingle (Landtman und Wirz a. a. O.). Ähnliches konnte Williams (Papuans of the Trans-Fly 1936, S. 427) weiter westlich feststellen, wo die Semariji, Gambadi, Keraki und Mikud nur selten Kawa genießen, die bei den Keraki kurar heißt. Sie kann hier als fremdes Element betrachtet werden und wird dafür bei den nördlichen Nachbarn dieser Stämme, den Wiram, Aram und Anima am Fly-River desto mehr angebaut und getrunken.

Leute aus Jakajá aus dem sogenannten Gabgab-Gebiet in südlichen Teile des Bogens, den der Fly in niederländisches Gebiet hinein macht, versicherten mir, daß sie in ihren Dörfen keine Kawa hätten. Wenn auch solchen Angaben nur bedingt zu trauen ist, so nahmen weder sie noch andere Gabgab-Leute aus den Dörfen Aso und Ingias die Gelegenheit wahr, sich mit Kawa zu versorgen, als sie in niederländisches Gebiet gekommen waren, wo dazu gute Gelegenheit bestand. Dafür erklärten mir Ngówugar-Leute (sog. Bodianim), die im britischen Gebiet zwischen dem Oberlaufe des Torassi und dein des Wangu, eines Nebenflusses des Maro, wohnen, daß die Kaiva unter dein Namen koriar kennen, das Getränk aber nur wenig genießen. Desto verbreiteter ist Kawa bei den Je-nan am oberen Maro, die die Pflanze und den Trank bikwc nennen. Hier werden die Kawapflanzen wie bei den Gogodára auf länglichen Beeten unter Sonnendächern aus einem Knüppelrahmen auf vier Pfosten, der mit Palmblättern belegt ist, gezogen. Die Neubepflanzung beginnt Anfang Oktober, und nach jeder vierten Regenzeit werden die Beete völlig neu angelegt. Dazu werden vorher aus den alten Pflanzen die Verdickungen in den Stengeln herausgeschnitten und nett gepflanzt, während die glatten Stengelteile die Wurzeln und sogar die Blätter von dem Besitzer des Beetes und seinen eigens dazu eingeladenen Freunden und Nachbarn zu trinkbarer Kawa zerkaut werden. Die Wurzel gilt als der Teil der Pflanze, der am stärksten berauscht.

[183] Sonst werden in allgemeinen aber nur die einjährigen Schößlinge gekaut. Im Oktober aber ist die Hauptzeit für die Kawatrinker, die oft schon vormittags die Kokosnußbecher (pel oder aletok) füllen und leeren, und bei Besuchen in anderen Dörfern nimmt man dann dicke Bündel von Kawapflanzen als Gastgeschenk mit, so eifersüchtig sonst jeder Mann über seinen Kawapflanzenbestand wacht.

Darstellung des Storchdämons, bei Kultfesten von Dämonen-darstellern
auf dem Kopfe getragen.
Marind-anim, Dorf Urumb
Auch die Leute aus dem Dorfe Mani, das an der Mündung des Torassi liegt, kennen die Kawapflanze, die sie ähnlich den Keraki und Ngówugar kerear nennen, und den Kanum-írebe zwischen der Grenze und dem unteren Maro ist sie ebenfalls bekannt. Hier heißt die Kawa ten, ttä oder und wird in großen Mengen ohne jeden besonderen Anlaß ziemlich regelmäßig abends aus Kokosnußschalen (bobou oder bubo) getrunken. Frauen und Kinder sind vom Kawagenuß bei all diesen Stämmen ausgeschlossen, und nur alte Frauen bekommen gelegentlich einmal eine Kostprobe. Für größere Knaben gilt es als erstes Zeichen der Mannbarkeit, daß sie nach der Jugendweihe zum ersten Male Kawa trinken. Dabei kommt es nicht selten vor, daß sie sich mit Kawa vergiften, und in einigen Fällen sind sogar junge Leute aus diesem ersten Kawarausch nicht wieder aufgewacht. Das ist nicht nur ein Zeichen für die Unmäßigkeit der Kawatrinker, sondern auch für die Gefährlichkeit der Neuguinea-Kawa, die sich mit der viel harmloseren polynesischen Kawa in Geschmack und Wirkung überhaupt nur schwer vergleichen läßt. Offenbar sind die Kanum-irebe erst in den letzten Jahren zu Kawatrinkern geworden, da Wirz (Die Marind-anim, 1, 1, S. 98) ausdrücklich sagt, daß sie die Kawa nicht kennen.

Länger mit ihr sind dagegen die Morauri (oder Mangat-anim) im Nordosten von Merauke bekannt, die als winziger Stammesrest mit eigener Sprache von ihren Nachbarn, den Marind-anim und den Kanum-irebe stark beeinflußt worden sind und auch für die Kawa von den ersteren den Namen wait übernommen haben.

Ganz allgemein ist, wie schon Wirz (Die Marind-anim, 1, 1, S. 97) dargetan hat, die Kawa bei den Marind-anim verbreitet. Man kennt hier verschiedene Spielarten der Kawa, so nach Geurtjens (marindineesch woordenboek) sipur, mahum, parima, kambiru, amnangib-urawé und sav-urawé ("Männer" - und "Frauen-urawé"). Als besonders gute Arten wurden mir wara vom oberen Bian und babind oder babina vom oberen Bulaka gennant, Die Beete werden hier überall wie bei den Gogodára und den Je-nan angelegt und mit kleinen [185] Gräben umzogen. Während sonst die Gartenarbeit Sache der Frauen ist, kümmern sich die Männer wie Sollst überall im niederländischen Gebiete selbst um ihre Kawabeete und kontrollieren ihrer Pflanzenbestand mit Ihrer kleiner Palmblattrippen. Die Ernte und das Pflanzen geht wie bei den Je-nan vor sich.

Wenn auch "wäti" bei allen Festlichkeiten unerläßlich ist, so trinken die Marind-anim doch regelmäßig abends ihre Kawa, bevor sie sich schlafen legen. Oft kaut ein Freund für den andern die Kawa und speit für ihn den grünlichen, aber durch Tabaksaft und Betel oft braun oder orangegelb gefärbten Saft in den Becher (mangon). Wegen der Bitterkeit der Pflanze gilt das als besonderer Freundschaftsbeweis. Auch Frauen und junge Mädchen oder junge Männer kauen die Kawa vor. Es gilt als Regel, daß nur Männer von der Altersklasse Meakim an, die die heiratsfähigen jungen Leute umfaßt, Kawa trinken, und daß Frauen und Mädchen abstinent sind. In der Praxis trinkt aber doch eine Reihe von Frauen Kawa, und besonders bei den weißhaarigen erregt das keinen Anstoß. In dem westlichsten, als hinterwäldlerisch verschrieenen Marind-Dorfe Wamal sah ich sogar junge Mädchen in aller Öffentlichkeit Kawa trinken. Sonst aber wird "wati" als Abtreibungsmittel angesehen, wahrscheinlich mit Recht, und schon deshalb von Mädchen und Frauen gemieden, die auf ihren guten Ruf halten. Bei Männern soll reichlicher Kawagenuß Impotenz hervorrufen. So hörte ich am oberen Bian ein heiratsfähiges Mädchen gegen alle Marind-Sitte den ihr zugedachten Mann ablehnen, weil er Kawatrinker sei und sie deshalb nie Kinder haben könne, und die anwesenden Marind-animn bestätigten, daß diese Befürchtung berechtigt sei.

Alte Marind-anim versicherten mir wiederholt, daß früher weniger Kawa als jetzt getrunken worden sei, weil man früher nie gewagt hätte, betrunken von Kopfjägern überrascht zu werden. Da diese Gefahr jetzt in den kontrollierten Gebieten nicht mehr besteht, wird viel mehr getrunken. Allgemein wurde mir gesagt, man trinke, um gut zu schlafen.

[186] Der "wati"-Trinker kennt die Bitterkeit und Schärfe des Getränkes und weiß, daß er seinen Magen förmlich zwingen muß, es bei sich zu behalten. Deshalb zögern die Trinker stets etwas, um Mut zu fassen, stürzen dann den Inhalt des Bechers hinunter und bemühen sich ein bis zwei Minuten lang, gegen den Brechreiz anzukämpfen. Ist das gelungen, wird sofort der Mund mit Kokosnußmilch oder Wasser ausgespült und etwas Tabak oder im Notfall auch Sagomehlbrot gekaut, um den üblen Geschmack loszuwerden. In kurzer Zeit werden die Pupillen groß und der Mund leicht gefühllos. Nun machen die Leute den Eindruck von Betrunkenen und führen beharrlich sinnlose Reden. Schließlich macht sich bald darauf eine unangenehme Schwäche in den Beinen bemerkbar, so daß sich die Trinker hinlegen und sofort tief schlafen, um spät am nächsten Tage mit Kopfschmerzen aufzuwachen. Betrunkene Kawatrinker sind meistens sehr friedfertig, während Marind-anim, die den von Indonesiern eingeführten, aber von den Niederländern verbotenen Palmwein trinken, eher zu Gewalttätigkeiten neigen. Der Kawagenuß wird zwar vor allem von den Regierungsärzten nicht gerne gesehen, ist aber nicht verboten. Immerhin verpflichten einzelne indonesische Missionslehrer (z. B. in Imohi) ihre Schüler, auch nach der Schulentlassung nie Kawa zu genießen.

Die Marind-anim behaupten, daß Kawa nicht gut bekommt, wenn man vorher etwas gegessen hat. Viele Kawatrinker verzichten daher des "wati" wegen auf die Hauptmahlzeit in den Abendstunden (vgl. "wati nango ma éseb" = "hij onthoudt zich van eten, wegens de wati" bei Geurtjens, marindineesch woordenboek). Man sieht deshalb bisweilen Kawatrinker, die fast zum Skelett abgemagert sind, besonders am oberen Bian.

Die Kawa hängt nach der Ansicht der Marind-anim mit dem Storchdämon (Ndik-dema) zusammen, da die Knie des Storches (Xenorhynchus asiaticus) an die Stengelknoten der Pflanze erinnern. Als der Dämon sich in einen schönen Jüngling verwandelt hatte, der sich nur dadurch von den Menschen unterschied, daß seine Füße nach [187] hinten standen (also mit den Zehen nach hinten), riß er sich Achselhaare aus und pflanzte sie ein. Aus ihnen wuchs die erste Kawa. Das geschah in dem Stranddorfe Birok zwischen dem Kumbe und dem Maro. Später flog der Storchdämon nach Domandé und Sangasse nahe der Bian-Mündung, pflanzte auch hier Kawa und begab sich dann nach Frederik-Hendrik-Eiland (Wirz, Die Marind-anim 1, 2, S. 109 ff.; Nevermann, Bei Sumpfmenschen, S. 48). Nach Wirz hieß er Wonatai, nach meinen Gewährsleuten Ole. Auf jeden Fall deutet diese Mythe auf eine Verbreitung der Kawa von Osten nach Westen.

Die nördlichen Nachbarn der Marind-anim, die Stämme am oberen Digul (Nub, Wambon usw.) kennen die Kawa nicht. Selbst diejenigen von ihnen, die bis zum oberen Bian in die unmittelbare Nachbarschaft von Marind-Dörfern gezogen sind, wollen von Kawa nichts wissen. Wenn Geurtjens in seinem Marind-Wörterbuch als Digul-Wort für Kawa okjeman anführt, so bezieht sich das nur auf die Kawa, die Nub-Leute in den Marind-Dörfern gesehen haben. Auch die den Digulern nahe verwandten Leute am Alice-River (Ok[188]Tedi) kennen die Kawa nicht. Das gilt auch für die Oser und Jas am unteren Digul.

Die Sohur an den nördlichen Nebenflüssen des unteren Digul, die vielfach auch als Mappi nach dem gleichnamigen Flusse bezeichnet werden, kennen die Kawa, trinken sie aber nur wenig, weil sie nicht betrunken von Kopfjägern überfallen werden wollen. Eine Gruppe der Sohur, die Mabur, nennen die Kawa waghi, während sie bei anderen Gruppen wie den Enémur ("Flußleuten") und Kogóur bari heißt. Da die Sohur viele Kulturgüter Von den Marind-anim übernommen haben und ihnen auch sprachlich nicht fern stehen, ist es sehr wahrscheinlich, daß dies Wort das wati der Marind-anim ist und die Kawa überhaupt von diesen eingeführt worden ist.

In den Dörfern der den Marind-anim kulturell nahestehenden, aber sprachlich von ihnen geschiedenen Mak1éuga, Jilmek, Jabga und Dibga zwischen dem Bulaka und der Prinzeß-Marianne-Straße ist Kawa, die hier jeliki oder bei den Jabga auch dikoi heißt, allgemein bekannt und wird wie bei den Je-nan, Marind-anim usw. angebaut und getrunken. Diese Stämme sind als Kawatrinker weit und breit bekannt, und vor allem ist das Dorf Bibikém der Jabga um seine Kawa berühmt. Hier gibt es sogar als besondere Einrichtung ein mit weichen Rindenstücken von Melaleuca auf den Schlafpritschen ausgestattetes Schlafhaus für Kawatrunkene, auf das die Einwohner von Bibikém sehr stolz sind. Frauen ist der Zutritt zu diesem Hause streng verboten. Die Kawa der Jabga und Makléuga soll einen besonders festen Schlaf verursachen. Vor Kopfjägern bestehen in diesen Dörfern keine Bedenken, obwohl hier die Sohur-Einfälle nicht selten waren und das Gebiet erst langsam unter Kontrolle kommt. Die Kawaruhe heißt beiden Makléuga epenema und das Kawaerbrechen mohol. Frauen trinken hier ebenfalls Kawa. Nur junge Frauen machen freiwillig oder gezwungen eine Ausnahme. Der Kawaerbrechen (apina) ist in diesem Gebiet allgemein üblich.

Schließlich kommt noch Kawa auf Frederik-Hendrik-Eiland und auf der kleinen Insel Komolóm vor. Auf Komolóm [189] heißt sie toe, tue oder tui. Ähnlich sind auch ihre Namen auf Frederik-Hendrik-Eiland: toe in Kándinam an der Südküste, towe in Kimaam im Osten und bei den Pueraga im anschließenden Sumpfdörfergebiet und toa in Tjuam im Norden. Jabga aus Bibikém, die mit mir zusammen in Kimaam waren, erklärten die dortige Kawa für eine sehr minderwertige Sorte, nach der man schlecht schlafe. Wenn dabei auch ein gewisser Stolz auf die heimatliche Kawazucht mitspricht, so ist die Kawa von Frederik-Hendrik-Eiland wohl wirklich der des eigentlichen Neuguinea unterlegen. Innerhalb der Insel bestehen aber auch wieder Unterschiede. So ist z. B. Kawa in den Dörfern Webu und Joubie im Pueraga-Gebiet häufiger und besser als in den benachbarten Dörfern Täri, Tjigád, Tjabudóm und Kalwa. Daß viel Kawa getrunken wird, konnte ich besonders an der Südküste feststellen, wo ich bei unvermutetem Eintreffen in dem Dorfe Inungalnám die gesamte Einwohnerschaft mit Ausnahme von einigen jungen Frauen und der Kinder unaufweckbar in tiefem Kawarausch antraf. Am meisten Kawa wird in den Dörfern der Südküste und des nördlichen Sumpfgebietes (Tjuám, Bamuro usw.) getrunken. Ob sie auch im westlichen Sumpfgebiet in Karirátm und seinen Nachbardörfern vorkommt, ist mir unbekannt geblieben. Da aber rege Beziehungen mit den übrigen Gebieten bestehen, ist das wohl anzunehmen. Allerdings zeichnet sich das Karirám-Gebiet u.a. dadurch aus, daß hier erst vor wenigen Generationen die Sagopalme eingeführt wurde, die sonst überall anzutreffen ist, und daß man in Karirám nicht recht Sago aus ihr zu gewinnen versteht.

In den Dörfern Klader und Tor an der Südküste nahe Kap Valsch fand ich keine Kawa. Die Eingeborenen berichteten mir aber, daß sie früher Kawabeete besessen hätten, die in Marind-Art angelegt waren, und daß ihre Pflanzen nur durch die Sturmfluten der Jahreswenden 1932/33 und 1933/34 vernichtet seien. Sie bezogen nun im Tauschhandel Kawastengel und -wurzeln aus den östlicher gelegenen Dörfern Inungalnám und Káindinam, wagten aber keinen neuen Anbau.

[190] Es besteht auch der Verdacht, daß sie von einem chinesischen Händler mit getrockneten Kawastengeln versorgt wurden.

Eine Besonderheit von Frederik-Hendrik-Eiland ist ein kurzes Saugrohr, das in Kimaam umbere genannt wird und dazu dient, die Kawa aus dem Kokosnußbecher (poli) zu trinken. Es scheint aber nur im östlichen Sumpfgebiet vorzukommen. Hier sah ich auch mattenartige Gebilde (in Kimaam mbaankaka, in Joubie kaiti genannt) aus Palmfiederrippen, die zum Zählen der Kawapflanzen dienten. Jede Rippe entsprach einer Pflanze. Solche Zählmatten werden aufgerollt in den Häusern aufbewahrt oder im Junggessellenhause zum Renommieren öffentlich aufgehängt. Wie bei den Marind-anim, Jenan, Jabga usw. ist das Kawapflanzen im Gegensatz zu aller anderen Gartenarbeit Männersache. Überall auf Frederik-Hendrik-Heiland gilt die Kawa als alteinheimisch, aber es ist auffällig, daß sie trotz der starken Sprachenzersplitterung auf der Insel doch überall ziemlich denselben Namen trägt, was auf eine verhältnismäßig junge Einführung deuten könnte. Auf Komolóm wurde mir erklärt, die Kawa sei früher von dem Storchdämon, der hier wie bei den Marind-anim Ndik-dema heißt, von jenseits der Prinzeß-Marianne-Straße zu den Menschen gebracht worden. Der Storchdämon sei dabei in der Gestalt eines schönen Jünglings erschienen, aber auch in Vogelgestalt habe er etwas mit der Kawa zu tun, denn seine Knie (jomue) erinnerten an die "Kawa-Knie" (tue- jomue) der Pflanze. Das weist ganz deutlich auf eine starke Beeinflussung durch die Marind-anim hin, und da sie auch sonst auf Komolóm und in Kimaam ziemlich stark ist, während der Einfluß der Jabga weniger spürbar ist, darf man wohl annehmen, daß die Kawa von den Marind-anim eingeführt worden ist. Ein friedlicher Verkehr mit ihnen besteht auf Komolóm aber erst seit etwa zwei Generationen (Nevermann, Bei Sumpfmenschen, S. 154 f.).

Der Storch, der auf Komolóm und bei den Marind-anim in engem Zusammenhang mit der Kawa steht, hat trotz der großen Unterschiede der einzelnen Sprachen Niederländisch-Südneuguineas bei [191] den kawatrinkenden Stämmen einen einheitlichen Namen. Neben der Bezeichnung ndik, die er in der Marind-Sprache hat, führt er in ihr auch den Namen war. Damit hängen zusammen: Je-nan wale, wali oder warib, Ngowugar wera, Kanum-irebe war, Jabga und Jilmek wal, Sohur wade, Kimaam waide, Täri waida und Klader wera, wära, oder war. Ein zweites Wort mit derartiger Verbreitung läßt sich in diesem Gebiete nicht finden.

Die Kawa kommt auf Süd-Neuguinea also von den Gogodára bis nach Frederik-Hendrik-Eiland und den Sohur in einem ziemlich geschlossenen Gebiete vor. Daß sie von den Gogodára zu den Kiwai kam, sich den Fly aufwärts verbreitete und aus dem Binnenlande an die Küste Papuas westlich vom Fly kam, ist bereits erwähnt worden. Der [192] Zug von Westen nach Osten ist auch bei den Marind-anim und bei der Einführung der Kawa bei den Sohur und auf Frederik-Hendrik-Eiland zu bemerken. Wenn auch einzelnes noch unsicher ist, z. B. die Frage, ob die Je-nan die Kawa vom Fly-River oder von den Marind-anim erhielten, so ist es doch sicher, daß das östlichste Vorkommen bei den Gogodára auch das älteste ist und die Kawa sich von Osten nach Westen weiter verbreitete.

Dabei können wir auf die Frage, wie die Kawa zu den Gogodára kam, keine Antwort geben, und auch ihr Vorkommen an der weit entfernten Astrolabe-Bai bedarf noch der Erklärung. Immerhin weist alles, was wir über das Kawatrinken an der Astrolabe-Bai wissen, auf einen inneren Zusammenhang mit Süd-Neuguinea hin, obwohl jedes Verbindungsglied fehlt. Dem Süden und der Astrolabe-Bai gemeinsam ist aber die typische Neuguinea-Art der Pflanze selbst und ihres Genusses, die sofort einen deutlichen Unterschied gegenüber Polynesien und anderen Kawagebieten in Mikronesien und Melanesien erkennen läßt.