Zeitschrift für Ägyptische Sprache & Alterskunde, vol. 29, pp. 31-33, 1891
In meinem Wörterbuche, Bd. VII. S. 1399, habe ich dem Worte , und seinen Varianten den ebräischen du- daim, mit der Bedeutung von mandragora, Liebesapfel, Alraune gegenübergestellt, mit dem Zusatz, dass die beste Sorte von Elephantine her bezogen worden sei. Als Beispiel führte ich die bekannte Stelle in der Inschrift von der Vernichtung des Menschengeschlechtes an: "Es sprach die Majestät dieses Gottes Man eile nach Elephantine, man hole mir Alraune in Menge! Man brachte ihm solche Alraune".
Wie aus dem weiteren Bericht, welcher mit dieser Textstelle in Verbindung steht, mit aller Durchsichtigkeit des Verständnisses hervorgeht, diente die Pflanze magischen Zwecken neben ihrer Verwendung als Heilmittel in der altägyptischen Medicin. Denn auch in dem grossen medicinischen Papyrus von Leipzig wird S. 39, 10 von oder "zermahlenen Alraunen von Elephantine" gesprochen, gerade wie in der vorher erwähnten Inschrift der Sonnengott die ihm gesendeten Alraunen in Heliopolis klein mahlen sic) lässt. In Krüge gethan, wie es heisst, und mit Bier gemengt, waren sie "gleichwie Menschenblut". Verstehe ich alles Folgende recht, so trank die mit der Vernichtung der Menschen betraute Göttin von diesem Getränk. Sie wurde davon berauscht und erkannte keinen Menschen mehr.
Aus dem biblischen Handwörterbuch von Riehm I, 48 ersehe ich, dass die Pflanze, Atropa Mandragora, zur Art der Tollkirschen gehört, betäubend giftig ist und einschläfernd wirkt. Es wird erzählt, dass der von den Karthagern gegen Aufrührer ge[32]schickte Maserbal Alraune unter den Wein gemischt habe, den er bei seiner scheinbaren Flucht im Lager zurückliefs. Die Feinde kamen, tranken, schliefen ein und wurden dann leicht gefangen oder erschlagen. Den Früchten legte man im Morgenlande von Alters her die Bedeutung der Aphrodisiaka bei. Die Stellen 1 Mos. 30, 14 fl. und Hohel. 7, 13 der Bibel liefern dafür die ältesten Beispiele.
Der ägyptische Text, von dem vorher die Rede war, lässt die zermahlenen Alraune von Sklavinnen mit Bier vermischen , das die beschriebene Farbe von Blut annahm und 7000 Maass Krüge füllte. Der Sonnengott ertheilt den Befehl, den Inhalt derselben auf die Felder auszugiessen, an der Stelle, woselbst die Göttin die Menschen zu morden beschlossen hatte. Wie schon bemerkt ist, trinkt die Göttin von der Flüssigkeit und wird sinnlos berauscht. Die Wirkung war also eine ähnliche als sie Maserbal seinen Feinden gegenüber bezweckt hatte. Dieser mischt Alraune in den Wein, der Ägypter in das Bier.
Das aber war es nicht allein, was mich zu dieser Notiz veranlasste. Zufällig führten mich besondere Studien auf Plinius bin, der in seiner Naturgeschichte XXIV, 102 von gewissen Pflanzen spricht, die zu seiner Zeit als magische bekannt waren und deren Namen und Vaterland er aufzählt. Es erscheint darunter eine Pflanze Ophiusa oder Schlangenkraut, von der er folgendes wörtlich bemerkt: "Ophiusam in Elephantine "ejusdem Aethiopiae, lividam difficilemque aspectu, qua pota terrorem minasque serpentium observari ita ut mortem sibi eo metu conciscant, ob id cogi sacrilegos illam bibere, adversari autem ei palmeum vinum". Der Genuss der Pflanze Ophiusa, und zwar auf flüssigem Wege (qua pota, bibere), soll also tödtliche Angst vor Schlangen hervorbringen und zum Selbstmord Veranlassung geben. Ich denke, es handelt sich um eine schlafbringende Wirkung mit bösen Träumen, ähnlich wie sie der Genuss von morgenländischem Haschisch erzeugt. Alles Übrige, was Plinius darüber weiter berichtet, dürfte auf Übertreibungen beruhen, wie sie den Alten bei solchen Anlässen wunderbarer Dinge geläufig zu sein pflegten.
Der Schlaftrunk erinnert mich an das Wort das dreimal (Kol. 22 und 25) in der Inschrift, von der vorher die Rede war, wiederkehrt und inhaltlich auf das Stammverb s-dr "ruhen, schlafen" zurückführt. Mit Rücksicht auf das Deutzeichen und den Zusammenhang dürfte die Übertragung desselben "Schlaftrunk" gerechtfertigt erscheinen. An der ersten Stelle handelt es sich um das Ausgiefsen, sst, der Gefässe, welche den Schlaftrunk enthalten, an der zweiten und dritten um den Genuss eines solchen bei der Feier des Hathorfestes in der Metropolis des Nomos Libya auf der Westseite Unterägyptens. Dass es bei den Hathorfesten fröhlich zuging und der Genuss berauschender Getränke an der Tagesordnung war, wissen wir aus den Alten und aus den Inschriften selber. Die Stiftung des Festes im libyschen Nomos wird nach dem. Wortinhalt unseres Textes auf ReC selber zurückgeführt. Kol. 25 fl. heisst es sprach zu dieser Göttin (sie, in der zweiten Redaktion fehlen die [33] Worte n ntr+t t-n): Es seien für sie Gefäfse mit Schlaftrunk in den Zeiten des Jahresfestes zugerichtet. Ihre Zahl entspreche der meiner Dienerinnen. Das ist der Ursprung der Zubereitung von Schlaftrünken nach der Zahl der Priesterinnen am Hathorfeste von allen Leuten vom ersten Tage an".
Die Inschriften melden häufig von einem fröhlichen "Feste des Trunkes", das der tentyritischen Göttin Hathor zu Ehren im Monat Thoth gefeiert ward. Ein ähnliches Fest findet sich unter dem Name oder "Fest des Schlaftrunkes" vor. Ich erinnere an die in meinem Geographischen Wörterbuche S. 1163 (Lin. 4 v. unt.) aufgeführte Stelle aus einer Steleninschrift (C, 166 s. Pierret, Insc. du Louvre II, 67), deren Abfassung in die Zeit der XII. Dynastie fällt.
Vielleicht, dass einer oder der andere unter den Herrn Ägyptologen in der Lage ist, meine vorher ausgesprochene Ansichten zu bestätigen oder zu widerlegen.